Chaim Bar-Tikva

Der letzte ehemalige jüdische Einwohner Norderneys verstorben



 

Mit Chaim Bar-Tikva starb der letzte ehemalige jüdische Einwohner Norderneys
 
Am 19. November starb im Alter von 95 Jahren Herr Chaim Bar-Tikva – auf Norderney auch bekannt unter dem Namen Heinz Hoffmann. Er war der letzte noch lebende ehemalige jüdische Einwohner Norderneys. Aufgrund der zunehmenden Ausgrenzung von Juden, hatte er Deutschland 1936 verlassen und emigrierte 1939 von Amsterdam nach Palästina. Nach verschiedenen Tätigkeiten war er fast 30 Jahre bei der israelischen Staatsreederei „ZIM“ angestellt. Er wohnte seit 1949 in Kiriat Yam, unweit von Haifa, und lebte seit 1994 mit seiner Frau Irma im Seniorenheim „Sinai“ in Haifa. Chaim Bar-Tikva übte neben seiner Tätigkeit bei der Reederei „ZIM“ verschiedene Ehrenämter aus, war Prediger und leitete die Hauptsynagoge der Stadt Kiriat Yam. Er beschäftige sich mit religiösen Fragen, interessierte sich sehr für Schiff- und Seefahrt und verfasste mehrere Hundert kürzere und längere Artikel. Chaim Bar-Tikva blieb der Insel auch nach der Emigration verbunden. Er pflegte den Kontakt zu Weggefährten auf der Insel und stand mehr als drei Jahrzehnte auch in Verbindung mit der Stadt Norderney. Als Zeitzeuge trug er zum Wissen über jüdisches Leben bei und war ein wichtiger Ratgeber im Rahmen der Erinnerungskultur auf der Insel. Chaim Bar-Tikva hinterlässt einen Sohn, mehrere Enkel und eine große Zahl an Urenkeln.
 
Norderney, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, fühlte er sich zeitlebens verbunden. Geboren am 6. November 1916 in Schreiberhaus/Niederschlesien, wo die Eltern Julius und Klara Hoffmann die Pension „Marienhöh“ führten, kam Sohn Heinz mit seiner Schwester Anni 1921 auf die Insel, wo die Familie in der Bismarckstraße „Hofmanns Hotel Falk“ betrieb. Dies hatte der Großvater, Heinrich Hoffmann, 1893 von Moses von der Wall erworben und zu einem renommierten jüdischen Hotel - übrigens dem einzigen auf den Ostfriesischen Inseln - ausgebaut. 1923 kaufte Julius Hoffmann die Villa in der Gartenstraße 25, die bis 1935 im Besitz der Familie blieb, und worin 1938 der Kindergarten eingerichtet wurde. Heinz Hoffmann besuchte zunächst die Volksschule auf Norderney (Lehrer Julius Wellhausen) und wechselte dann in die Mittelschule (Klassenlehrerin Lucie Müller). In seinen Erinnerungen schreibt er: „Das Verhältnis meiner Klassenkameraden mir gegenüber war gut. Es war kein Antisemitismus zu spüren.“ Anfang 1933 begann auch auf Norderney die Ausgrenzung hier ansässiger Juden sowie eine Stimmungsmache gegenüber jüdischen Badegästen. Diese blieben bereits 1933 aus. Jüdische Geschäfte, Heime, Pensionen und auch „Hoffmann’s Hotel Falk“ mussten schließen. 1935 wurde das Hotel mit Inventar zwangs-versteigert. Im November 1933 verließ die Familie Hoffmann zwangsläufig die Insel und lebte nun in Leipzig. Sohn Heinz, der nach Abschluss der Mittelschule auf Norderney zunächst ein halbes Jahr in Emden das Gymnasium besuchte,  begann in Leipzig eine Ausbildung bei einem Pelzhändler. In Emden besuchte er häufig den Landesrabbiner Dr. Blum, auf dessen Geheiß hin, Heinz Hoffmann auch die Thorarollen aus der Synagoge in Norderney barg und nach Emden brachte. „Nachdem ich zu der Einsicht gelangt war, dass die Juden in Deutschland keine Zukunft hatten“, wie in den Erinnerungen nachzulesen ist, fasste er den Entschluss nach Palästina auszuwandern. Dafür war zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung erforderlich, die von Mai 1936 bis 1938 in Dänemark stattfand. Hier lernte Heinz Hoffmann seine spätere Frau Irma Seewald kennen, die bereits im März 1938 nach Palästina auswandern durfte. Heinz Hoffmann gelang nach Aufenthalten in Italien und Holland erst 1 ½ Jahre später die Einwanderung – illegal und bei Nacht am Strand nördlich von Tel Aviv.
 
„Wie durch ein Wunder war es mir gelungen, der nahenden Katastrophe des europäischen Judentums zu entkommen“, heißt es dazu in seinen Lebenserinnerungen. Auch seinen Eltern überlebten den Holocaust, lebten über viele Jahre in Italien, und erreichten im Sommer 1944 Palästina. Schon sechs Wochen nach der Ankunft verstarb Klara Hoffmann, die auf dem Ölberg in Jerusalem bestattet wurde; Julius Hoffmann starb 1972 in Haifa. Anni Hoffmann, die auch auf Norderney aufwuchs, gelang die Emigration nach Amerika. Dagegen wurden
 
Friedrich (Fritz), Bruder von Julius Hoffmann und Mitinhaber des Hotels auf Norderney, sowie seine Frau Rebekka und Sohn Heinz (Henry) ermordet. Nachweisbar ist, dass sie am 23. 10.1941 von Emden nach Lodz/Polen deportiert wurden.
 
Die Familie Hoffmann teilte das Schicksal vieler Juden in Europa: Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation, Ermordung. Heinz Hoffmann, der ab 1949 den hebräischen Namen Chaim Bar-Tikva trug, hatte sich neben all dem Leid und Schmerz auch die guten Erinnerungen bewahrt, an die Zeit vor 1933, wo Juden auf Norderney integriert waren, die Familie Ansehen genoss und sein Vater Julius verschiedene Ehrenämter bekleidete. 1979 - 46 Jahre nach seinem  Weggang - besuchte er Norderney und traf hier auf seine ehemaligen Weggefährten und seine Lehrerin Lucie Müller. Schon in zurückliegenden Jahren stand er mit verschiedenen Norderneyern in Schriftkontakt.
 
Chaim Bar-Tikva war sehr daran gelegen, dass die Erinnerung an jüdisches Leben auf der Insel wach bleibt. Mit seiner Unterstützung wurde 1988 eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 im „Haus der Insel“ angebracht, auf Initiative der Evangelischen Jugend dann 1996 eine Hinweistafel an der ehemaligen Synagoge in der Schmiedestraße. Mehr als 30 Jahre dauerte der  Briefkontakt mit der Stadt Norderney, mit dem Chaim Bar-Tikva zum Wissen über das Leben und Wirken von Juden auf Norderney beigetragen hat. Für Lina Gödeken und Ingeborg Pauluhn, die mit ihren Veröffentlichungen auch wichtige Grundlagen zur Erinnerungskultur schufen, war er als Zeitzeuge ein wichtiger Ratgeber. Anlässlich seines 90. Geburtstages hat ihm Bürgermeister Ludwig Salverius für die Unterstützung und Zusammenarbeit den Dank der Stadt Norderney ausgesprochen. Die ihm gewidmete Ausstellung der Stadt Norderney im bade~museum, die sehr viel Aufmerksamkeit fand, hat ihn sehr erfreut.
 
Mit Chaim Bar-Tikva verstarb der letzte ehemalige jüdische Einwohner der Stadt Norderney. Mit seinem Tod findet der unmittelbare Dialog zwischen einem Zeitzeugen und Überlebenden  und den neuen Generationen nicht mehr statt – jüdisches Leben auf Norderney ist Geschichte. Die Erinnerung daran wach zu halten und der Opfer zu gedenken wird für uns das Vermächtnis von Chaim Bar-Tikva bleiben.   

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